Seefahrer vor vollem Haus

Gastspiel mit Jürgen Prochnow – Westersteder KulturGenuss mit Resonanz und Aufführung sehr zufrieden

Schon in seiner Begrüßungsansprache wies Dr. Jan-Freerk Müller, Vorsitzender vom KulturGenuss-Die  Vortragsvereinigung, auf die Besonderheit des Theaterabends am 22. Januar hin: Ein Weltstar auf einer Westersteder Bühne – das hat absoluten Seltenheitswert. Und mit Jürgen Prochnow hatte der traditionsreiche Westersteder Kulturverein einen Akteur zu Gast, dessen Popularität sich nicht  auf flacher Unterhaltung des Mainstream gründet,
sondern in einer intensiven Spielweise und einem reichhaltigen schauspielerischen Repertoire.

Diese Vorzüge wusste Prochnow auch in „Der Seefahrer“, einem Stück von Connor McPherson, eindrucksvoll in Szene zu setzen. Prochnow zeigte diese vom Leben gebeutelte Figur in ihrer ganzen Tragik, mit allen Brüchen, Verletztheiten, aber auch Aggressionen. Das feine Minenspiel Prochnows spiegelte Sharkys, so der Name der Titelfigur, Reaktionen sehr fein und tiefsinnig wider, so dass man hinter dieser gescheiterten Existenz einen schuldbeladenen Menschen erkennen musste.

Die großartige schauspielerische Leistung Prochnows war aber nicht nur seinem eigenen Können geschuldet, sie wurde vor allem durch das Zusammenspiel mit dem hervorragenden Ensemble möglich. Allen voran ist Verena Wengler zu nennen, die als Teufel in der Gestalt von Mr. Lockhart den Schlüsselpart der Geschehnisse am Weihnachtsabend übernahm. Schon das Äußere des Mr. Lockhart – blass, maskenhaft und unergründlich das Gesicht, scharf, zynisch, eben diabolisch die Stimme – gab dieser Figur etwas Surreales.

Stimmig war auch die Besetzung der Rolle des blinden Bruders Richard. Gustaf Gromer brillierte als heruntergekommener, unappetitlicher alter Mann, dessen Leben nur noch auf die niedrigsten Bedürfnisse ausgerichtet ist. Und doch, wenn dieser Richard von Freundschaft spricht, so sieht man eine gewisse Weisheit aufblitzen, einen
Charakter, der vielleicht zusammen mit dem Augenlicht erloschen ist. 

Eher Nebenfiguren sind die Freunde des blinden Richards, Nicky Giblin (Peter Albers) und Ivan Curry (Martin Dudeck), aber auch lebensnah und präzise gespielt. Auch diese beiden Männer  leben weitab jeder Bürgerlichkeit, die Pokerrunde am Weihnachtsabend, verbunden mit einem Trinkgelage, ist ihnen wichtiger als die Familie.  Aber diese beiden
fühlen sich wohl in ihrer Haut: Sie machen das Beste aus ihrem Leben, empfinden weder Scham noch Schuld, reden sich die Dinge eher schön. Und bilden damit einen Spiegel für das zaudernde, schuldbeladene, an sich selbst verzweifelnde
Hardern des Sharky….

So dreht sich die Handlung um vier schuldige Männer, allesamt gescheiterte Existenzen, die der Teufel sicherlich
schon vorgemerkt hat. Fällig ist an diesem Weihnachtsabend für den Teufel aber nur einer: Sharky, der sich noch am ehesten um Redlichkeit bemüht und an seinem Leben leidet. Das Ende zeugt deshalb auch von einer tiefen Einsicht in die menschliche Seele: Sharky wird in letzter Minute errettet, als er seine Schuld annimmt und bereit ist mit dem Teufel zu gehen.

Das herausragende Zusammenspiel der fünf Akteure auf der Bühne machte den Theaterabend am 22. Januar zu einem echten Kulturerlebnis, auch wenn man dem Stück teilweise etwas mehr Stringenz, Klarheit und Tempo gewünscht hätte. Insgesamt verließen am Ende der Aufführung 460 Zuschauer die Aula der Europaschule Gymnasium Westerstede mit einem bleibenden Eindruck herausragender Schauspielkunst.